Theorie

KUNSTFIEBER # DOGMA No. 1 / Januar 2015

LUST IST NICHT GLEICH LUST.
Lüste sind verschieden. Es gibt größere und kleinere. Größere ziehen uns an und von kleineren ab. Aber kleinere können größer werden und größere kleiner.
Mathematisch gesprochen, bewegt sich jedes lustbegabte Wesen in einem jederzeit sich verändernden multidimensionalen Gradientenfeld, dessen Kraftvektoren das lustbegabte Wesen ohne weiteres folgen würde, gäbe es nicht rationale und ethische Gradientenfelder, die mit dem Lustgradientenfeld in Konkurrenz stehen und gelegentlich das lustbegabte Wesen gegen die unmittelbar größere Lust sich entscheiden lassen.
Kunst – was immer das heißen mag (und dass wir das so sagen, ist nicht nur eine Verlegenheitsfloskel [was unsere Parole natürlich auch sein könnte], sondern eine Überzeugung) – ist unmittelbare Lust ausschließlich hier und jetzt. (Worauf als auf Lust sollte es bei Kunst auch ankommen?) Was bei Kunst, die nicht da ist, sondern imaginiert wird, als Lust erscheint, ist induzierte Lust. Induzierte Lust aber ist Illusion.
Doch auch induzierte Lust ist Lust. Wir verschmähen sie keineswegs. Wir beurteilen sie auch nicht als minderwertig. Bewertung oder gar Herabsetzung von Allgemeinem aus ideologischen Gründen ist unsere Sache nicht. Induzierte Lust ist vielleicht sogar der Alltag der Kunst. Und Alltag ist die Grundlage des Lebens: ohne Alltag kein Leben.
Aber immerwährender Alltag ist kein Leben, das wir leben wollen. Wir wollen berauschende Feste, seelentiefe Erlebnisse, erschütternde Erfahrungen: wir wollen den Ausnahmezustand.
WIR WOLLEN DIE VOLLKOMMENE LUST.
Lüste haben verschiedene Existenzformen. Die Existenzform der unmittelbaren Lust ist die reale Verschmelzung mit dem Objekt der Begierde, die der induzierten Lust die imaginierte. Der Unterschied ist existenziell.
Nicht für jedes Objekt der Begierde ist die unmittelbare Verschmelzung das Ideal. Wir vermuten, dass für die meisten Objekte der Begierde die imaginierte Verschmelzung potentiell die vollkommenere und damit lustvollere ist. Ist das Objekt der Begierde wesentlich unvollkommen, wird die imaginierte Verschmelzung der unmittelbaren gewöhnlich vorzuziehen sein.
Für Objekte der Begierde, die in ihrem Wesen vollkommen sind, ist die unmittelbare Verschmelzung das Ideal. Die imaginierte Verschmelzung mit Objekten der Begierde, die in ihrem Wesen vollkommenen sind, ist immer defizient. (Wiewohl wir sie gelegentlich, manchmal sogar habituell, nicht als defizient erleben.)
Begierde kann bedingt oder absolut sein. Es gibt genau zwei Objekte absoluter Begierde, die in ihrem Wesen vollkommen sind: unsterbliche Geliebte und unvergessliche Performanzen. Unsterbliche Geliebte betrachten wir, je nach Gläubigkeit, als Kunstwerke Gottes oder der Natur, unvergessliche Performanzen als menschliche Kunstwerke. (Aber anders als herrschende Moralvorstellungen es gerne hätten: auch Objekte absoluter Begierde sind durchaus verfügbar.)
Wesentlich Unvollkommenes – ein Kleidungsstück, eine Urlaubsreise, ein Auto – hat mehr oder weniger Warencharakter, im Wesen Vollkommenes nicht. Wer im Wesen Vollkommenes zu Geld verrechnet, entbettet es. (Energie, Kraft, Vermögen sind im Wesen Vollkommenes.) Wer wesentlich Unvollkommenes libidinös liebt, fetischisiert es.
Kunst kann beides, entbetten und fetischisieren. (Entbettung und Fetischisierung sind Operationen am Interesse. [Kunst überhaupt ist Operieren am Interesse.]) Das heißt nicht, dass künstlerisches Entbetten und Fetischisieren schon allein deswegen, weil sie Kunst sind, gerechtfertigt wären.
Die subjektive Luststärke korreliert mit der Weite und Intensität der Inanspruchnahme der zur Verfügung stehenden subjektiv zuträglichen kommunikativen Möglichkeiten.
WIR WOLLEN DIE ÜBERBORDENDE KOMMUNIKATION, DIE ÜBERWÄLTIGENDE HOMILIE, DAS GROSSE FEST.
Alle Gedanken, alle Gefühle, alle Intentionen, die aufkommen, sollen Einfluss nehmen auf den Gang der Performanz. Kein Sprachspiel, das mit der Überzeugung geäußert wird, wenigstens im Augenblick triftig zu sein, soll sich zurückzuhalten. Chaos wird eh nicht gelingen. Nur das scheinbar Unbewältigbare führt weiter, nur das angeblich Unsägliche erhöht unsere Lust.
ANARCHIE IST EIN GESPENST.
Erwartet nichts. Bringt euch ein, fragt, fordert Aufklärung, zwingt zu Antworten, streitet, polemisiert!
TUT WAS!
DIE BEGRIFFE KÜNSTLER, KRITIKER UND REZIPIENT SIND OBSOLET.
Kommt und seht!
DAS LEBEN DES FESTS IST ORGIASTISCH.

 

KUNSTFIEBER # DOGMA No. 2 / Februar 2015

FREIHEIT!

Vom Adel lernen, heißt Freiheit lernen!

Jedenfalls vom feudalen Hochadel. Sehen wir uns ein paar verschwenderische barocke Höfe mal an, Paris, Prag, Peking. Nicht zufällig katholische Höfe. Der Adel hatte alles. Zwar auf Kosten der unteren 99 %, aber das war in den Augen der Vornehmen – d.h. derjenigen, die das Recht des ersten Zugriffs hatten (auf die Früchte und Schätze der Erde, auf Jungfrauen) – nur ein kleiner Schönheitsfehler, wenn überhaupt. Was aber machten sie mit ihrem Reichtum? Natürlich eine Menge Unfug. Sie waren frivol, albern, dekadent. Doch was ist dagegen einzuwenden? Tun wir das nicht? Freuen wir uns nicht alle gelegentlich an Sinnlosem, Überflüssigem, Unnützem, wenn wir nicht gerade religiöse oder moralische Fundamentalisten sind?

„Mensch, werde wesentlich!“ – wie oft ist diese Mahnung des Angelus Silesius schon missbraucht worden. Alle Fundamentalisten dieser Welt sind sich darin einig, dass es ein wahres Wesen des Menschen gibt. Und dass sie es kennen. Sie allein. Uneinig sind sie sich nur in der Bestimmung dieses Wesens des Menschen.

Wir halten dagegen: Es gibt kein Wesen des Menschen. Wir stellen sogar in Abrede, dass der Begriff des Menschen ein brauchbarer philosophischer Begriff ist. (In bestimmter Umgangs- und Wissenschaftssprache mag er allerdings Sinn und Bedeutung haben.)

Mensch, werde wesentlich, kann also nur heißen:

MACH, WAS DU WILLST!

Unser barocker Adel trieb nämlich nicht nur Unsinn. Er lebte und feierte seine Freiheit. (Natürlich auf Kosten der vielen, die ihm dienstbar und abgabenpflichtig waren.) Wie schon erwähnt, hatte er ja alles, was man dafür braucht. Er hatte Geld, er hatte Zeit, er hatte Verstand und Bildung. Und er hatte Gleichgesinnte. Gleichgesinnte, die wie er ihre Freiheit leben und feiern wollten. Die wie er sich unterhalten wollten. Die wie er sich miteinander unterhalten wollten.

LASST UNS UNS UNTERHALTEN!

Ah, was für ein sprechendes Wort, sich unterhalten. Wie verarmt wir sind, dass wir es nicht mehr als sprechend erleben. Sich unterhalten heißt: Sich stützen, sich formen, sich aufrecht halten. Gegenseitig und gemeinsam. Sich unterhalten heißt: Liebe & Aufmerksamkeit, Mitleid & Mitfreude, Solidarität & Tätigsein. Sich unterhalten heißt: Leben.

Das wussten schon unsere absolutistischen, barocken, katholischen Adligen. Und wie sie sich unterhielten. Ihre Unterhaltungen waren die reine Lust.

Natürlich blieben sie unter ihresgleichen. Insofern waren ihre Freiheit, ihre Liebe und Solidarität, ihr Mitleid & ihre Mitfreude mangelhaft. Und ihr Tätigsein erst recht. Da aber niemand Noten verteilte, störte es sie nicht, jedenfalls nicht sonderlich.

Woher wir das wissen? Ihre Kunst berichtet es uns, das barocke Theater, die barocke Malerei, die barocke Musik, der barocke Tanz, die barocke Lyrik. Wie viel Witz, wie viel Beweglichkeit, wie viel Experimentierfreude bei den Künstlerhandwerkern, wie viel Kenntnis, wie viel Erotik, wie viel Kontaktfreude bei den Kunstliebhabern. Und über allem Selbstironie – nichts war so heilig, dass man sich nicht auch mal hätte abwenden können. Natürlich stand das Jagen an erster Stelle. Aber das wissen wir ja.

Wir sagten es schon im letzten Manifest: Die Unterscheidung von Künstler, Kritiker und Rezipient ist obsolet. Im 17. Jahrhundert gab es diese Unterscheidung nicht, jedenfalls unter Adligen. Jeder war immer alles zugleich, Künstler, Kritiker, Rezipient. Erst das späte 18. Jahrhundert fing an, die drei Funktionen auf verschiedene Personen zu verteilen. Vom Adel wollte ja keiner was lernen, von wegen ausbeuterischem Pack. Les aristocrates à la lanterne!

Der gewöhnliche Bürger und Bauer verstand allerdings nichts von Kunst. Die hatte ihm das Aristokratenpack ja vorenthalten. So stand unser lieber Bürger und Bauer vor den adligen Kunstwerken, kratzte sich am Kopf oder strich sich übers Kinn und wusste nicht weiter.

Erste Fragen tauchten auf: Wozu ist Kunst gut? Gibt es gute und schlechte Kunst so wie es gute und schlechte Heringe gibt? Wie unterscheidet man gute von schlechter Kunst? Es brauchte kompetente Unterweiser: Der Kunstkritiker wurde geboren und der Bürger zum Rezipienten, der nichts weiter mehr tun musste als ehrfürchtig dem Lehrer lauschen und pietätvoll zum Kunstwerk aufschauen. Die Abhängigkeit wechselte, die Abhängigkeit blieb. Der Kritiker wurde zum Priester, der Rezipient hörig, der Künstler Genie, die Kunst heilig. Die Kritiker zelebrierten, das Publikum betete, die Künstler hielten Hof oder hungerten.

Aber es geht nicht um Wahrheit. Es geht nicht um Sinn. Es geht ums gemeinsame, angemessene, erfreuliche, lustvolle Umgehen mit Kunst.

LASST UNS UNS ÜBER KUNST UNTERHALTEN!

 

KUNSTFIEBER # DOGMA No. 3 / April 2015

KUNST IST EIN FEUER FANGEN UND EINE ERHITZUNG.
Gute „Lehrer“ entzünden das Feuer und halten es am Brennen. Gute „Lehrer“ „lehren“ nicht.
KUNST IST EIN TUN UND EINE PRAXIS.
KUNST KANN GEÜBT WERDEN.
KUNST IST ENTWICKELBAR UND VERMEHRBAR.
Aber nochmals: Kunst ist nicht „lehrbar“. Gute „Lehrer“ nehmen an der Verfertigung von Kunst aktiv praktizierend teil. Sie denken mit, fühlen mit und äußern ihre Gedanken und Gefühle. Manchmal genügt eine kleine Geste. Oder ein kleiner Tupfer.
KUNST IST SOZIALE PRAXIS.
Den einsamen Künstler gibt es nicht. „Der einsame Künstler“ und „das Genie“ sind Erfindungen des kunstungeübten Bürgers. An der Verfertigung von Kunst haben immer alle teil.
KUNST IST EINE AUSNAHMEPRAXIS.
(Nicht anders als Religion und Philosophie.)
Insoweit ist sie für die meisten Menschen auf besondere Zeiten des Lebens beschränkt. Wenige widmen ihr ganzes Leben der Kunst.
KUNST IST EIN FEST.
(Nicht anders als Religion und Philosophie.)
Feste können langweilig, uninspirierend, unerotisch sein. Sie können gestört, sabotiert, unterbrochen werden. Sie können an falschen Erwartungen scheitern.
Misslingen liegt ausnahmslos an einzelnen Teilnehmern.
Es gibt aber gelingende Feste.
An gelingenden Festen sind immer alle Feiernde beteiligt.
Gelingende Feste können das Leben verändern.
KUNST KANN DAS LEBEN VERÄNDERN.
KUNST IST EIN EWIGES VERSUCHEN.
Natürlich kennen wir das überwältigende Kunsterlebnis. Es für unüberbietbar zu halten, ist keineswegs irrational. Der Superlativ kündet von einer Kunstüberwältigung, wie wir sie uns tiefer und gewaltiger nicht vorstellen können.
Dagegen wird plädiert, dass man Kunstwerke ganz anders, nach intersubjektivierbaren, objektiven Kriterien beurteilen müsse. Vom Handwerk bis zur philosophischen Reflexion wird alles herangezogen, was objektive Kriterien zu liefern in der Lage scheint. (Komischerweise können sich die objektivistischen Kritiker über ihre Kriterienkataloge nicht einigen…)
Aber selbst diese objektivistische Herangehensweise an Kunst könnte Lust bereiten. Sie könnte für sich selbst lustvoll sein und sie könnte zu überwältigend lustvollen Kunsterlebnissen führen.
Das letzte Ziel von Kunst ist nämlich immer Lust.
KUNST BEREITET LUST.
Die meisten Objektivisten sind allerdings davon überzeugt, dass lustvolles Betrachten von Kunst defizient sei.
Wenn nun ein solcher lustfeindlicher Objektivist mit Kennermiene und Verachtung für Dich bloß Liebenden daherkommt, heißt es daher: Auslachen – oder besser noch: Anlachen. Die meisten Objektivisten haben durch irgendein böses Schicksal – Schule, Studium – ihre lebendige Beweglichkeit verloren. Ihre Emotionen sind nie so anerkannt worden, dass sie Vertrauen in sich und ihre Gefühle hätten gewinnen können. Weshalb diese bemitleidenswerten Ausgestoßenen ihr Herz für Fundamentalismen, Zynismen & Nihilismen und für „objektiv“ wahre Wertesysteme öffnen. Wenn ich und mein Gefühl schon nichts wert sind, dann ist mein Ein und Alles, mein Glück, meine Lust, mein Heil, mein Glaube, meine Hoffnung, mein Gebet: mein objektives Wertesystem. Die hundertprozentigen Objektivisten sind sogar bereit, für ihr Wertesystem ihr Leben zu geben.
Wir aber lehnen Märtyrertum ab. Genauso wie Proselytenmacherei, die andere Seite der Medaille. Nicht, weil wir nicht glaubten. Sondern weil wir erkennen, dass es vollkommen genügt, wenn wir unserer Liebe leben.
KUNST IST LEBEN.
jm

 

 

 

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